Aargauer Partei-Strategien!

Nachdem im Kanton Aargau die Kandidatin der Grünen, Irène Kälin, kein zweites Mal zu den Sänderatswahlen antreten wird, unterstützt die SP die Kandidatin der CVP Ruth Humbel. Sie hatte am 18. Oktober das mit Abstand schlechteste Resultat der vier kandidierenden Favoritinnen und Favoriten erzielt. Ob für sie die Sterne am 22. November besser stehen, dürfte vor allem von der Frage abhängen, ob beide Kandidaten von FDP und SVP nochmals antreten oder ob sich einer von ihnen – zum Beispiel durch Los-Entscheid – zurückzieht. – Weshalb ist das so?

Der Entscheid, Humbel zu unterstützen, sei kein leichter gewesen, räumt SP-Co-Präsidentin Elisabeth Burgener-Brogli ein. Während zweier Tage habe man sich in den Reihen der SP – auch auf nationaler Ebene – sehr intensiv mit der Frage befasst, ob und unter welchen Bedingungen die CVP-Kandidatin unterstützt werden könne. Ebenso intensiv seien die Gespräche mit der Kandidatin selbst verlaufen. Tatsache sei, dass seit Sonntag voriger Woche nichts mehr so sei, wie es einmal war. Man stehe auf der Verliererseite. – Und die Aussicht, einen eigenen Kandidaten oder eine eigene Kandidatin ins Rennen zu schicken, sei als nicht eben rosig beurteilt worden, lässt Burgener-Brogli auf die Frage durchblicken, weshalb die SP nach dem Rückzieher der Grünen nicht selber – beispielsweise mit Cederic Wermuth – angetreten sei.

So scheint heute in den Reihen der SP die Devise zu gelten, lieber Humbel als Knecht oder Müller im Ständerat! Sicher sei, so SP-Co-Präsidentin Elisabeth Burgener-Brogli, „dass die CVP ihren Wahlkampf selber führen muss.“ Niemand werde sich für Humbel so engagieren, wie dies bei Pascale Bruderer Wyss der Fall gewesen sei.

Im ersten Wahlgang hatte sich Pascale Bruderer Wyss als allseits bekannteste – und wohl auch beliebteste – Volksvertretung unter den Ständeratskandidatinnen und -kandidaten erwiesen. Sie erntete insgesamt 104’687 Stimmen und erreichte mit Bravour im ersten Wahlgang das Absolute Mehr. Offensichtlich wurde sie selbst von FDP- und SVP-Wählerinnen und -Wählern auf die Liste gesetzt. In der kommenden Legislatur 2015 – 2019 gehe es um die Umsetzung der Energiewende sowie um die Durchsetzung einer sozial-gerechten Altersvorsorge 2020 und da seien mehrheitsfähige Allianzen in beiden Räten gefragt, betont SP-Co-Präsidentin Elisabeth Burgener-Brogli. Auch dies ein massgebender Grund für die nunmehr erfolgte Seilschaft zwischen CVP und SP?

Ob die Aargauer CVP mit ihrer Strategie an der Basis wirklich punkten kann, bleibt indessen fraglich. – Hinter Bruderer Wyss an zweiter Stelle rangierte zur Überraschung vieler nämlich der Favorit der SVP, Hansjörg Knecht. Er schnitt um 5810 Stimmen besser ab als FDP-Präsident Philipp Müller. Ob sich die beiden Vertreter von SVP und FDP aufgrund dieser Resultate darauf einigen können, mit einer Einzelkandidatur anzutreten, scheint mehr als fraglich. So gesehen, sind die Wahlchancen von Ruth Humbel nicht einmal so schlecht, wie Beobachter auf Anhieb meinen. Auch wenn sie am Wahlsonntag mit einem abgeschlagenen Resultat von 33900 Stimmen auf Platz 4 verwiesen worden ist.

Sofern beide, Knecht und Müller, am 22. November wieder antreten, hängt alles davon ab, wie sich die Stammwählerschaft von SP, Grünen, BDP, GLP und EVP verhält. Bleiben sie zu Hause oder gehen sie zugunsten der CVP-Kandidatin ein zweites Mal an die Urne? Und wenn sie zur Urne gehen, wie wählen sie? Zwei Fragen mit mehreren Antwortmöglichkeiten. – Die Parteistrategen von FDP und SVP müssen sich genau überlegen, welche sie als wahrscheinlichste in Erwägung ziehen wollen. Sollten sie sich falsch entscheiden, so könnte Ruth Humbel – mit dem Segen der SP und allen anderen – am 22. November durchaus Ständerätin sein.