„Der Panther“ von Rainer Maria Rilke: Auch ein Appell an die Konsumgesellschaft

Bildlegende: Hans Fehr, SVP, war von 1995 bis 2015 Nationalrat und Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission, EglisauGedichte „verdichten“, wie es der Name sagt, einen Tatbestand, eine Botschaft auf das Wesentliche, und dies in meisterhafter Sprache. „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke ist meines Erachtens genial – und hochaktuell.

Zu Rainer Maria Rilke habe ich eine besondere Beziehung. Der schon zu Lebzeiten berühmte Dichter, 1875 in Prag geboren und 1926 in Montreux gestorben, hat im Winter 1920/21 im Schloss meines Heimatdorfes Berg am Irchel im Zürcher Weinland gelebt. Seit meiner Sekundarschulzeit interessiere ich mich für ihn.

Rilke wurde seinerzeit ordnungsgemäss in die Einwohnerkontrolle eingetragen. Unter die Rubrik „Beruf“ setzte der Gemeindeschreiber allerdings ein Fragezeichen. Denn wie man diesen etwas speziellen Mann, der oft in der prächtigen Allee des Schlosses „unruhig hin und her wanderte“ und diesen Bereich wegen der Maul- und Klauenseuche nicht verlassen durfte, beruflich einordnen sollte, war nicht ganz klar. „Wer damals keine Mistbenne herumkarrte, also Bauer war, erschien den Dorfbewohnern – Ausnahmen machte man beim Pfarrer und beim Lehrer – eher suspekt“, meinte meine Mutter einst zu diesem Thema.

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Nicht fürs Militär geboren
Als Sohn eines Militär- und Eisenbahnbeamten war für den jungen Rilke eine militärische Laufbahn vorbestimmt und er wurde bereits mit 10 Jahren an die Militärschule in St. Pölten geschickt. Bald wurde jedoch klar, dass der sensible Knabe nicht fürs Militär geboren war. Er studierte schliesslich Kunst- und Literaturgeschichte. Nach einem wechselvollen Leben und ausgedehnten Reisen bekam er in verschiedenen Schlössern Gastrecht, so auf Schloss Duino an der Adria (Besitz der Fürstin von Thurn und Taxis), im Schloss Berg am Irchel (Besitz der Familie Bühler) und längere Zeit auf Schloss Muzot im Wallis, das ihm sein Mäzen Werner Reinhart zur Verfügung gestellt hatte.
Ein eindrückliches Werk
Rilke hat ein eindrückliches Werk geschaffen. Seine Gedichte, Erzählungen und seine Lyrik sind einfühlsam und tiefgründig; sie haben zum Teil aber einen Hang ins Mystische und sind nicht immer leicht verständlich. Den „Panther“, den Rilke 1902 in Paris verfasste, verstehen jedoch alle. Das Schicksal der stolzen aber auf kleinstem Raum eingesperrten Raubkatze geht unter die Haut.


Der Panther (1902, Jardin des Plantes, Paris)
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein grosser Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch die Glieder angespannte Stille – und hört im Herzen auf zu sein.


Für das Wohl der Tiere
In einer Zeit, in der Tierschutz und eine naturnahe, tiergerechte Haltung von Nutz- und Wildtieren noch ein Fremdwort war, hat Rilke – vielleicht ohne direkte Absicht – eine Lanze für das Wohl der Tiere gebrochen.
Das Gedicht, das in seiner sprachlichen Genialität kaum übertroffen werden kann und den Leser mitten ins Herz trifft, beschreibt die Kraft und Schönheit der stolzen Raubkatze. Und es bringt gleichzeitig ihre Ohnmacht und ihren „seelischen Tod“ in der Gefangenschaft zum Ausdruck. Man leidet mit dem prächtigen Tier, man möchte die Gitterstäbe wegreissen und den Panther in die Freiheit entlassen. Man wird zum Kämpfer für das Wohl der Tiere, gegen Käfige und Tierfabriken, wo es mit den Worten Rilkes hinter „tausend Stäben keine Welt“ mehr gibt.
Und unser Konsumverhalten?
Letztlich steht – über den „Panther“ hinaus – auch unser Konsumverhalten zur Debatte. Sind wir bereit, etwas mehr zu bezahlen für das Fleisch von Tieren, die tiergerecht gehalten werden? Oder gehören wir zu jenen, die zwar schöne Reden führen für Tiere, Umwelt und Natur, die aber dennoch das billigere Fleisch aus Massenhaltungen kaufen und sich nicht darum kümmern, ob es von Tieren stammt, die auf tagelangen Transporten unter schlimmen Bedingungen quer durch Europa gekarrt werden? Gehören wir zum dumpfen Heer der Einkaufstouristen, die billiges Fleisch aus fragwürdiger Produktion und andere Produkte jenseits der Grenze kaufen?
Das ist meines Erachtens der zeitlos gültige Appell, den Rilkes geniales Gedicht kraftvoll und eindringlich aussendet.
Auch eine politische Interpretation
Ich wage eine noch weitergehende politische Interpretation: Der stolze Panther kann nichts dafür, dass er seine Freiheit verloren hat. Sollten aber wir Schweizer unsere Freiheit und Unabhängigkeit gefährden – aktuell mit einer „Anbindung an Brüssel“ durch den sogenannten Rahmenvertrag, dem der Bundesrat in seinen „Jahreszielen 2017“ Priorität einräumt –, so sind wir selbst dafür verantwortlich. Die besondere Stärke unseres politischen Systems liegt bekanntlich darin, dass das Schweizer Volk in allen wichtigen Belangen das letzte Wort hat. Das muss so bleiben. Sonst könnte uns dereinst das Schicksal von Rilkes Panther drohen.

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