Freiheit der Kunst statt Rückfall
in voraufklärerische Haltungen!

Bildlegende: Kommentar von CVP-Präsidenten Gerhard Pfister: «Freiheit der Kunst»
Der Puritanismus der politischen Korrektheit wandelt sich subtil zu einem Totalitarismus, der die Freiheit der Kunst, letztendlich aber auch die Freiheit der Meinungsäusserung in der westlichen Demokratie, gefährden wird.

Ein Kommentar von CVP-Präsident und Nationalrat Gerhard Pfister, Zug

In Berlin entschied der Akademische Senat der Alice Salomon Hochschule, ein Gedicht in Spanisch des Schweizer Schriftstellers Eugen Gomringer an der Schulhausfassade zu übermalen. Der Grund: Beschwerden linksfeministischer Kreise, die anführten, man könnte dieses Gedicht sexistisch interpretieren. Deutsch übersetzt lautet es: „Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“. Ich überlasse das Urteil jedem Leser, jeder Leserin, inwieweit dieses Gedicht das friedliche Zusammenleben in Deutschland gefährdet, und so diskriminierend ist, dass es sofort aus der Welt geschafft werden muss. Im Vergleich zu manchen Schlagzeilen und Berichten in den Medien halte ich persönlich dieses Gedicht jetzt nicht gerade für eine Gefährdung der guten Sitten. Aber Kunst ist immer Geschmackssache.

In Manchester entschied die Kuratorin der Manchester Art Gallery, ein mythologisches Bild aus dem 19. Jahrhundert, das Nymphen zeigt, die einen Mann verführen wollen, abzuhängen. Weil es ein falsches Rollenbild der Frau verkörpere.

An amerikanischen Universitäten sind in den Bibliotheken gewisse Werke von Shakespeare mit Warnungen versehen, dass sie antisemitische oder rassistische Passagen enthalten könnten.

Es gäbe noch mehr solcher absurder Episoden. Eigentlich könnte man dies alles einfach als lächerliche Aktionen von verkrampften Ideologen abtun. Dennoch: die Haltung, die dahinter steht, verheisst nichts Gutes. Der Puritanismus der politischen Korrektheit wandelt sich subtil zu einem Totalitarismus, der die Freiheit der Kunst, letztendlich aber auch die Freiheit der Meinungsäusserung in der westlichen Demokratie, gefährden wird.

Während ich diese verschiedenen Meldungen in letzter Zeit las, kam mir immer wieder mein Aufenthalt in Florenz vor zwei Jahren in den Sinn, wo ich wieder einmal die Uffizien besuchen konnte. Dort hängen prachtvolle Kunstwerke der europäischen Kulturgeschichte. Unter vielen Meisterwerken auch eine Verkündigungsszene von Raffael. Betrachtet man dieses Bild mit dem jakobinischen Misstrauen moderner Puritaner, könnte man ein Liebeswerben des Erzengels Gabriel gegenüber Maria nicht ganz von der Hand weisen. Denn die Renaissance verweltlichte und humanisierte die Theologie. Raffael hob damit die Würde des Menschen, auch und gerade vor Gott, hervor. Aber aus der Sicht mancher damaliger Zeitgenossen war es „gottlose“ Kunst.

Vor den Uffizien sah ich Schützenpanzer und bewaffnete Soldaten. Sie stehen schon länger dort, seit der Westen von Attentaten heimgesucht wird. Sie bewachen die westliche Kunst vor denjenigen, denen solche Werke heute wieder als gottlos erscheinen. Sie beschützen sie vor denen, die beispielsweise in Mossul jahrhundertealte assyrische Kulturdenkmäler zerstörten. Sie beschützen europäische Kultur vor islamistischen puritanischen Bilderstürmern.

In andern Städten Europas braucht es offenbar keine Islamisten, um die europäische Kunst zu entsorgen. Das erledigen westliche Puristen selbst. Man übermalt westliche Kunst, hängt sie ab, versteckt sie, weil sie für gewisse Menschen anstössig sein könnte. Oder man bringt einen lächerlichen Vermerk an über mögliche Risiken und Nebenwirkungen, wie bei Zigarettenpackungen. Wenn schon Kunstgenuss nicht verboten werden darf, dann immerhin nur mit schlechtem Gewissen. In der Hoffnung, das wirke präventiv, und man werde zukünftig weniger Kunst wollen.

Die Aufklärung befreite die Menschen von der Bevormundung und Unterdrückung durch selbsternannte Autoritäten, wie den Klerus, der den Menschen einen bestimmten Lebensstil aufzwingen wollte. Die heutigen Hohepriester des Puritanismus sind nicht mehr die Kirchen. In den Vatikanischen Museen hängt Gott sei Dank immer noch unzensiert westliche Kunst, die den heutigen Ideologien ein Dorn im Auge ist. Der Klerus ist nicht mehr der selbsternannte Zensor. Der Vatikan ist im Vergleich ein Hort der freien Präsentation westlicher Kulturschätze geworden. Wer hätte das gedacht! Heute ist es nicht mehr die Kirche, sondern es sind die modernen Fundamentalisten islamistischer oder puritanischer Art, die westliche Kunst und Kultur als „gottlos“ oder „sexistisch“ bezeichnen, und verbieten oder vernichten wollen. Beiden gemeinsam ist ihre totalitäre Gesinnung und der Rückfall in voraufklärerische Haltungen. Bilderstürme waren in der Geschichte oft die Vorboten von Schlimmerem. Es blieb meistens nie nur bei der Kunst, die man verbieten wollte. Man sollte den Anfängen wehren.

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