Imperator universi praestabilis


Festredner Nationalrat Gerhard Pfister, Präsident der CVP Schweiz, zur Wahlfeier für Ständeratspräsident Ivo Bischofberger. Appenzell. 30. November 2016 (Es gilt das gesprochene Wort.)

Sehr geehrter Herr Ständeratspräsident, Hochgeachteter Herr Landammann, Sehr geehrte Frau Bundesrätin (in Appenzell werden sogar Bundesräte nachrangig zum Landammann begrüsst), Sehr geehrte Gäste, In der völligen Respektlosigkeit zur Kürze, die man mir unverschämterweise auferlegt hat, gratuliere ich Ihnen respektvoll und ausführlichst im Namen der Partei, die man in Ihrem Rat und in Ihrem Kanton nicht nennen darf, obwohl sie an beiden Orten dominiert, ganz herzlich zur ehrenvollen Wahl als Ständeratspräsident.

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Ihr Wahlergebnis ist nur noch vergleichbar mit dem ihm erst nach langer Kerkerzeit zugestandenen Ergebnis von Uli Hoeness beim FC Bayern. Die Reise von Bern hierher, die Huldigungen und die Feierlichkeiten hier lassen mich vermuten, dass Sie wie die römischen Imperatoren bald einen Sklaven brauchen, der Ihnen beim Triumphzug immer sagt: Respice post te, hominem te esse memento.

Sie wurden Imperator auf Zeit des Universums Ständerat. Ich versuche, als Nationalrat, dieses mir doch fremde Universum etwas zu beschreiben. Das kommt natürlich durchaus inkompetent daher. Und eigentlich müsste ich schweigen, gemäss Jesus Sirach, 3, 24: „Und was deines Amtes nicht ist, da lass deinen Vorwitz.“ Aber irgendwie muss ich mir mein Essen heute ja auch verdienen.

Dieses mir als vorwitzigem Nationalrätchen doch eher fremde Universum erinnert mich stark an die Leibnizsche Prästabilierte Harmonie, in deren hierarchisch konzipierten Weltordnung sich 46 Monaden gegenseitig ihrer Singularität bestätigen. Ein Universum voller Sterne, Supernovae und heller Kometen, in dem aber kaum einer bis auf 46 Stimmen zählen kann.

Dass man jetzt aus den Vorkammern der ayurvedischen Entschleunigung auch noch das Volk und sonstigen Pöbel verbannt hat, ist folgerichtig. Denn es hat etwas viele ehemalige Regierungsräte drin, die auch als Ständeräte ihrem alten Amt nachtrauern, als sie noch wirklich regieren konnten, und dabei nur selten vom Volk oder Parlament dabei gestört wurden. Hierarchisches Anciennitäts-Denken ersetzt den Leistungsprimat, indem Neugewählte bei der Verteilung der Kommissionssitze behandelt werden wie der arme Lazarus, der nur die Brosamen vom Tisch der Reichen abbekam.

Jedes Mal, wenn ich in den Ständerat hinüberhetze, halte ich im Vorzimmer, in das ich noch rein darf, augenblicklich inne, denn es ist mir, als betrete ich die Lounge eines britischen Golfklubs. Und kaum einer in der grossen Kammer wäre überrascht, würde man ihm sagen, im Ständerat hätten sie die gepflegte Debatte für den Fünf-Uhr-Tee unterbrochen, wenn sie denn einmal bis fünf Uhr tagen würden.

Im Ständerat nennen sie den Geschäftsverkehr mit uns Nationalräten nicht „Differenzbereinigung“, sie nennen es: „Übergabe der Dossiers zur staatspolitisch-therapeutischen Nachhilfe an die Jungmannschaft von der anderen Seite.“ Und in der Regel vermerken sie unter dem Titel des Geschäfts mit zierlicher Federschrift: „Macht nicht wieder alles kaputt!“

Das alles hat offensichtlich domestizierende Wirkung: Ein Gewerkschafter trägt statt Maokittel eine Krawatte, die an ihm so echt natürlich wirkt wie das Silikon, das der Bachelor vorgesetzt bekommt. Die Rede eines im realen Leben scharfzüngigen Ständerats klingt wie von dessen Mundwasser weichgespült. Für Damenschultern gilt Burkagebot, sodass keinerlei hormonelle Regungen der Männer den ruhigen Tagesgang stören. Die Lektüre von Zeitungen ist verboten, man könnte ja sonst erfahren, wies in der Welt zugeht. Man streitet nicht, sondern dämmert konfliktlos sanftmütig dahin. Offenbar weil die grossen Rhetoriker in der grossen Kammer sitzen, denn dort schlägt allen Redenden permanente hochkonzentrierte Aufmerksamkeit entgegen.

Dass Sie, lieber Herr Ständeratspräsident, der perfekte Imperator universi praestabilis sein werden, dafür garantiert Ihre Herkunft als Schulleiter. Wer‘s mit pubertierenden Jugendlichen sowie führungs- und reformresistenten Lehrern kann, ohne schwer seelisch geschädigt aus diesem Stahlbad herauszukriechen, der kann‘s leicht mit Ständeräten. Ihr Leistungsausweis als Rektor ist denn auch Legende. So wie der Olympier Friedrich Schiller an der Karlschule per aspera ad astra gelangte, sind aus der von Ihnen geführten ehemaligen Carlo Schule Abbatis Cellae titanische Geistesgrössen herangebildet worden. Zum Beispiel TV-Star Marco Fritsche, der auf 3+ suchenden Bauern findende Frauen zuführt, oder der Kabarettist Simon Enzler, der die bemerkenswerte Einsicht prägte, dass Grüne unreife Rote seien, oder Daniel Ziegler, der als Dreiton-Musiker mit Einton-Gesicht bei Giaccobbo/Müller uns schaudernden Zuschauern jeden Sonntag vor Augen führt, welche abgrundtiefe Melancholie den Appenzeller an und für sich lebenslang umhüllt.

Befragt man ehemalige Zöglinge Ihrer Zuchtanstalt auf Ihrer Wirken hin, erhält man zögernd lediglich kryptische Zitate wie: “Erinnere mich an seinen Staatskundeunterricht. Hauptsache CVP und kontra alles was neu ist.“ Oder: „Er hatte einen Mäpplifetisch. Will heissen: Mäppli in Mäppli in Mäppli. Hauptsache organisiert.“ Oder ein Schüler erinnert sich an Bischis Kommentar über einen Aufsatz: „Du wirst mal Politiker. Viel geschrieben, aber keine Aussage.“ Dass der Ständeratspräsident damals Adiletten getragen haben soll, ist mythisch überliefert, aber nicht dokumentarisch belegt. Aber aus allen Stimmen der Ehemaligen klingt Wertschätzung für Ihre Menschlichkeit und Ihr grosses Engagement als langjähriger Rektor des Kollegiums. Auch in der Politik sind Sie ein Beispiel dafür, dass man mit Anstand und Menschlichkeit weit kommen kann. Das ist typisch für Sie, aber auch typisch für die Schweiz, vielleicht noch etwas mehr für den Ständerat als für den Nationalrat.

Zum Schluss, geschätzter Herr Ständeratspräsident, bitte ich um Verzeihung für meine Respektlosigkeit a) gegenüber der Zeitlimite und b) gegenüber dem Ständerat und c) gegenüber Ihnen. A) war respektlos gemeint, b) ist purer Neid eines lärm- und streitgeschädigten Nationalrats, und c) ist aufrichtige Bewunderung, Sympathie und Wohlwollen. Gerade weil‘s nicht nur so daherkam.

Ein wunderbares Jahr wünscht Ihnen der Präsident der Partei, die Sie vor einer Woche freundlicherweise wie jede Partei als bloss sekundär bezeichnet haben. Meinen herzlichen Glückwünsch übergebe ich Ihnen dennoch mit dem Wegweisern und den Koordinaten, wie sie als Leitsprüche guter C-Politik gelten sollten und auch Ihr Lenken und Walten als Präsident inspirieren könnten: „Dankbar rückwärts, mutig vorwärts, gläubig aufwärts.“ Alles Gute.

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